Die Geschichte von Amangani – oder wie es meistens anders kommt als man denkt :-)

geschrieben von Sabine Brandt, Münster, Juni 2005


"Es begann mit einer Suche im Internet nach Vollblutstuten. Und da wurde ich ausgerechnet auf einer schweizerischen Webseite fündig – eine Dame, die ihr Bemühen daransetzt, für den Rennsport untaugliche Vollblüter in ein neues Leben zu vermitteln. Und wie der Zufall so spielt, man begegnet sich immer zweimal im Leben: diese Dame kannte ich sogar aus vorherigen flüchtigen, aber deshalb nichtsdestotrotz hilfreichen Internet- und Emailkontakten!

Da war dann spontan klar, es musste eine Reise nach München sein, um sich die diversen Rösser mal vor Ort anzusehen!

Ein wenig mulmig im Bauch war mir schon, weil bei solchen Spontanaktionen Dummheiten oft vorprogrammiert sind – will heißen: eh man sich versieht ist man um ein Pferd reicher und einige Euros ärmer....

Also vorab noch ein Besuch bei Wilhelmers, das sind vernünftige Leute, die reden einem so was schon wieder aus – dachte ich....
Aber es kam ganz anders: ich erzähle von den Stuten und dem geplanten Flug und denk noch so bei mir, jetzt dürften sie mir aber mal ins Wort fallen und mir die Sache ausreden... Aber Bernd und Petra werden immer stiller, ich erwähne Amangani und ihre mütterliche Abstammung über Surumu xx – bei Bernd und Petra hat's gefunkt, und das Einzige was Bernd sagt ist: Sabine, stornier deinen Flug, wir fahren zusammen im Auto hin und nehmen den Anhänger gleich mit!

Ich glaub ich hab mich verhört, denk: sind die genauso verrückt wie ich? - Aber ja, wir ziehen gemeinsam vor den PC, surfen nach der Stute und am Ende unterliegt die geballte Vernunft der gemeinsamen Euphorie – auf nach München! Und ausgerechnet Bernd, vor dessen Sachlichkeit und Vernunft ich immer wieder nur den Hut ziehen kann - Bernd ist richtig begeistert! Petra kommt dann doch ins Grübeln... "Bernd, wir brauchen nicht noch eine fünfte Stute...." Aber ihr Mann ist nicht zu halten... ;-)

                                   Foto der Verkaufsanzeige von www.ex-rennpferde.ch

Die Logistik gebot, dass ich dann doch allein geflogen bin. Da Bernd und Petra Amangani nun nicht live sehen würden, überlegten sie, wen man vor Ort bitten könnte, die Stute kritisch unter die Lupe zu nehmen. So ganz blind wollten sie schließlich nicht kaufen.
War sie wirklich eine der Vollblutstuten, die die Warmblutzucht bereichern würden?
Welche Wahl hätte besser sein können, als Maren? Für sie war es ca. eine Autostunde Fahrt und wer Maren kennt, weiß, wie wertvoll ihr Wissen über Vollblüter ist :-)!
Wie nicht anders zu erwarten, war ihr Bericht mit großer Sachlichkeit geschrieben, unter Abwägung aller Vor- und Nachteile.  Dem konnte ich ohnehin nicht mehr viel hinzufügen, sind Vollblüter doch bislang eher theoretischer Bestandteil meines hippologischen Erfahrungsschatzes gewesen :-)) .  Aber ein paar persönliche Eindrücke sammeln – das war mir wichtig!

Unvorbehalten zu Amangani vorzudringen war gar nicht so einfach – handelte es sich doch um ein seit einigen Wochen wegen Sehnenschadens (Rennbahnunfall) mehr oder weniger weg gesperrtes Pferd, das zwar jeden Tag in der Führmaschine seine Runden drehte, aber ansonsten ihr Dasein in der Box fristete. Was sie dann auch - recht unzufrieden mit sich und der Welt und dem Zweibeinigen gegenüber - zu verstehen gab.
Man hatte uns gewarnt.

Und ohne Steigergebiss geht da mal gar nichts, hieß es!

Ich war gespannt.

Was kam war dann ein entsprechend aufgedrehtes Pferd - zappelig und schwer zu beurteilen. Nur eines war sofort klar: in Natura entsprach sie durchaus dem, was sich der geneigte Warmblutzüchter unter einem „veredelnden“ Vollblut vorstellt! Der Halsansatz war uns zu Hause am PC als unvorteilhaft erschienen – und natürlich wird so etwas noch betont durch die im Rennsporttraining eigene Reitweise – Unterhals vorgestellt, Rücken weggedrückt, und los.

Wenn man aber den ganzen Morgen über bereits einige ihrer Artgenossen in eben diesem Stil, insbesondere auf dem Trabzirkel ihre Arbeit hat machen sehen, relativiert sich der Eindruck schnell. Diese Pferde können gar nicht anders. Die Art des Trainings erlaubt gar keine, dem Auge des Warmblutzüchters gefällige Oberhalsmuskulatur - und Unterhälse sind durch die Bank weg an der Tagesordnung.

Ein paar Tage und reichlich Telefonate von Bernd mit der Dame aus München und dem Trainer vor Ort war dann klar: Amangani sollte ihr neues zu Hause in Münster finden, um von dort in Zukunft die Warmblutzucht zu revolutionieren! ;-)

Ich war völlig aufgeregt – wäre es meine gewesen, hätte ich kaum schlechter schlafen können in der Nacht vor dem großen Tag – Was, wenn sie nun doch nicht gefällt?

Was, wenn sie völlig abdreht? Was, wenn wir sie gar nicht auf den Anhänger, geschweige denn aus der Box bekommen?

Die Umstände hatten es dem Pferd nicht einfacher gemacht: in Baden Baden war Rennwoche, da bot es sich an, sie auf einem Transport aus München einfach mitzuschicken. Und von Baden Baden aus fuhr ein weiterer Transport des nachts nach Dortmund zur Rennbahn. Dort wartete sie auf uns – davon wusste sie aber noch nichts. Es war der 28. Mai 2005.
Wir erwarteten ein völlig verstörtes, weil rum- und abgeschobenes Pferd vorzufinden und wähnten uns zunächst in der falschen Box. Das sollte Amangani sein? Die Stute, die jeden mit angelegten Ohren aus der hintersten Ecke ihrer Box begrüßt?

Zugegeben, die Öhrchen waren nicht unbedingt gespitzt, als wir eintraten, aber dass sich da jemand mit ihr in Ruhe beschäftigte, und gleich zwei Zweibeiner auf einmal (Bernd und ich), das fand sie ganz großartig. Eigentlich eine Schmusekatze im Herzen. Nur im Kopf vielleicht ein wenig durcheinander? Man könnte es ihr nicht verdenken. Wir mussten erstmal einen Schritt zurücktreten, um uns zu vergewissern, dass wir vor dem richtigen Pferd standen. Aber das windhündische Äußere war eindeutig: das WAR Amangani. Ein Hüftknochen zum Hut dran hängen, der spindeldürre Hals – und das Wichtigste: der edle Kopf mit den schönen großen Augen. Pferdchen, diese Augen sollen in Zukunft was anders zu sehen bekommen!

Der Anhänger stand bereit und Bernd streift ihr selbstverständlich ein Halfter über und die beiden zockeln los über den Hof in Richtung Anhänger. Mir schießt noch das Steigergebiss durch den Kopf und dass es wohl gleich losgeht – da steht sie schon auf der Rampe und zur Hälfte im Hänger. Und wie das so ist mit der Macht der Gewohnheit – wenn ich einen Pferdehintern auf der Rampe stehen sehe, stell ich mich dahinter und schieb ihn an – ein Reflex eben, mit Denken hat das nicht viel zu tun. Oh, aber der besorgte Trainer dachte mit: „Nicht doch dahinter – die soll doch auch schon mal schlagen!!“ Ich rutsch noch so zur Seite runter, vermeintlichen Gefahren geht man besser aus dem Weg - da steht sie auch schon ganz drin – Klappe zu – auf geht's. Bernd und ich fragen uns, wann es denn jetzt wohl losgeht – das Toben und Spucken und Steigen – und ob sie uns auf der Autobahn wohl aus dem Anhänger springt – bis zum Kreuz Münster Süd passiert gar nichts und wir sind uns fast sicher: die hat was im Tee. Das kann nicht das Pferd sein, vor dem man uns gewarnt hat. Ganz bestimmt hat die was im Tee!

Wir rollen auf den Hof, strahlender Sonnenschein, man hätte die Kulisse nicht schöner malen können – und mir wird ganz mulmig.

Was, wenn sie Petra nicht gefällt?

Was, wenn alle denken, nicht nur der Zossen, sondern auch wir seien völlig verrückt, mit diesem Windhund im Gepäck?

Was, wenn sie jetzt hier ausrastet und sich von ihrer schlechtesten Seite zeigt?

Aber wieder kommt es anders.

Amangani zeigt sich zunächst einmal gar nicht. Rückwärts aus dem Hänger kennt sie nämlich nicht, weil Vollblüter in Transportern zu reisen pflegen.... Alles was wir zu sehen bekommen, sind ein paar zittrige Flanken und sonst gar nichts. Das Pferdchen ist ganz durcheinander. Langsam schiebt sie sich raus – Bernd schiebt vorn, ich schiebe hinten vorsichtig die Richtung die Rampe runter – die stimme des Trainers noch wohl im Ohr und immer in Erwartung, dass das Schlagen jetzt gleich losgeht – und dann steht sie da. Die Flanken beben und sie guckt erstaunt und aufgeregt in ihre neue Welt. Petra jauchzt: „Dieser Kopf! Diese Augen sind ja noch schöner als auf den Fotos!“

Mir fällt der erste große Stein eines ganzen Gebirgsmassivs vom Herzen. Ich bin so erleichtert. Petra und ich liegen uns in den Armen und meine Freude könnte nicht größer sein, wenn es meine eigene wäre – einfach schön. Das war der erste große Moment, für den es sich so richtig gelohnt hatte, das ganze Unternehmen durchzuziehen. Der zweite war das Selbstverständnis zu beobachten, wie Bernd mit diesem Pferd umging. Mir spukt noch immer das Steigergebiss im Kopf rum. Und da steht sie wie angewachsen auf dem Hof und betrachtet mit weit geblähten Nüstern und bebenden Flanken ihre neue Welt. Und so groß sind die Augen!

Und ich warte noch immer auf die Explosion.

Bernd und Amangani marschieren auf den Paddock – wir hinterher. Und dann lässt er sie los. Und sie weiß gar nicht, was sie mit ihrer neu gewonnenen Freiheit eigentlich anfangen soll. Kopf an die Erde und im Sand schnobern. Im Schritt zunächst in kleinen Bahnen. Wälzen fällt ihr gar nicht erst ein. Nach einer Weile dann ein Quiekser und sie tobt los – was man sich so unter lostoben vorstellt – im hektischen Galopp ein paar mal rauf und runter und da mogeln sich auch tatsächlich mal ein paar Bocksprünge darunter – das ist ja doch ein richtiges Pferd! Wir gehen vorsichtshalber mal in Deckung, aber sie hört schon auf – viel ist nicht drin an heißer Luft – also doch was im Tee?

                 

Das war jetzt also einer von diesen Vollblütern, die tagelang nur auf der Wiese rumjagen, nachdem man sie von der Rennbahn holt?

                                            

Wir wundern uns noch und dann sorgt sie für die nächste Überraschung: nachdem die erste Anspannung raus ist,  trabt sie los – und WIE sie trabt! Eine Aktion im Hinterbein die nahe ist am Ideal – wer hätte das gedacht? Pferdchen, du hast ja ungeahnte Qualitäten! Und plötzlich kann sie sogar Schritt gehen – "Sabine, was hast du uns denn da erzählt, die hätte keinen Schritt? Das ist doch längst gut genug!" Polter, polter, polter, die letzten Brocken lösen sich. :-)

DAS ist Freude pur.

Freude, dem Pferd zuzusehen, wie es langsam die neue Umgebung begreift.

Freude zu sehen, wie Bernd und Petra sich freuen.

DAFÜR hat es sich gelohnt!

Ganz verstohlen (aber wirklich nur ganz verstohlen!) wisch ich mir ein Tränchen weg, ich bin ja doch nah am Wasser gebaut.

So schön ist das!

                                                 

Petra und ich liegen uns noch mal in den Armen, Amangani wird deutlich sie selbst. Knabbert am Heu, lässt sich streicheln, wirkt entspannt. Oder sagen wir: entspannter!

                                     

Bernd bringt den alten Wallach dazu – eine neue Herausforderung für dieses „durchgeknallte“ Vollblut. Die beiden beäugen sich vorsichtig, irgendwann haut er mal kräftig aus, dann haut sie mal kräftig aus und stobt davon – und dann beknabbeln sie sich sogar. Amangani hat einen neuen vierbeinigen Freund. Und sie findet das ganz selbstverständlich, wie sie da in seiner Gesellschaft durchs Paddock bummelt. Immer mal wieder ein paar aufgeregte Trabtritte, kurzer Galopp, Ruhe und die neue Welt erkunden.

                            

Ich kann mich gar nicht satt sehen.

Es sind eben doch die kleinen Dinge die das Leben lebenswert machen.

Dann bitte ich Bernd mal das Halfter abzunehmen für ein paar Fotos – ich muss sie einfach fotografieren und diese Momente möchte ich mir nicht nehmen lassen – das ist einfach lebenswert!

Neben dem Wallach eröffnet der begriff „veredelndes Vollblut“ dann eine völlig neue Dimension – wenn man nämlich die ganze Zeit nur dieses Vollblut angesehen hat und sieht sie dann im direkten Vergleich mit ihrem Kollegen aus dem Warmblutland, wirkt dieser in der Tat wie ein Kaltblut. Allein das Verhältnis von Gurtentiefe und Vorderbein (bei ihm 50:50) wirkt bei Amangani wie eine völlig andere Dimension – ein Drittel zu zwei Dritteln. Plötzlich haben Begriffe wie „Langbeinigkeit“ und „Riss“ eine völlig neue Bedeutung. DAS ist züchten in Perspektiven denken – und haben wir davon nicht alle so lange geredet und geträumt?

                         

Irgendwann halftert Bernd sie dann wieder auf und sie dackelt wie selbstverständlich hinter ihm her in ihren neuen Stall – und frisst und säuft und benimmt sich wie ein ganz normales Pferd.

Ein Pferd ist eben doch nur ein Pferd.

Man muss es nur auch wie eines behandeln.

Wir frühstücken dann draußen auf dem Hof, die anderen Pferde sind inzwischen auch alle draußen und tummeln sich auf Paddock und Weide – ich sitze da und genieße pur – soviel neue Eindrücke, das Gebirgsmassiv ist endgültig begraben, die hatte NICHTS im Tee, ich bin unendlich erleichtert. Und Bernd und Petra sind es auch. Aufgeregt sind wir alle noch – aber auch so richtig rundum zufrieden. Glücklich sagt man da wohl zu.

Irgendwann kommt der Anruf von der Dame aus München und ich kann nur beurteilen, was sie sagt, aus dem, was Bernd erwidert: „Die stand schon ne ganze Weile mit unserem Wallach auf dem Paddock – neee, die ist ganz zufrieden – Steigergebiss? - Nee, das Halfter haben wir auch abgenommen - so? Die ließ sich gleich wieder aufhalftern...“

Und ich grinse, grinse, grinse.

Diese Erfahrung möchte ich um nichts in der Welt mehr missen müssen.

Das war ein Tag mit lauter kleinen Geschenken.

Für die Zukunft von Herzen alles, alles Gute, Petra, Bernd und Amangani!"


Liebe Sabine,

wir möchten dir ganz herzlich für diese wundervolle Geschichte danken! Amangani hat sich super in die Stutenherde eingelebt und übt an Rion schon mal ihr zukünftiges Muttersein. Den hat sie nämlich sozusagen adoptiert ;-).
Sie ist bis heute nicht einmal frech, geschweige denn böse gewesen - eher das genaue Gegenteil. Absolut liebenswürdig und verschmust. Sie ist für jede Aufmerksamkeit dankbar, die sie bekommt.

Unser besonderer Dank gilt ebenfalls Maren, die sich spontan bereit erklärt hatte, nach München zur Rennbahn zu fahren, um einen fachmännischen Blick auf Amangani zu werfen. Dass sie selbst dort fündig werden würde, und mit Kerstin das Fontana-Syndikat gründen würde, ist wohl eine glückliche Fügung des Schicksals :-)).

Münster im Sommer 2005
Bernd und Petra Wilhelmer


Januar 2006:

Amangani ist nun schon eine ganze Weile bei uns. Bis heute fragen wir uns - warum wurde diese Stute seinerzeit nur mit Steigergebiss aus dem Stall geholt??? Wieso wurde sie als "charakterlich nicht ganz einfach" betitelt???
Was hat sie erleben müssen, dass sie sich so verhalten hat???

Ami ist so liebenswürdig. Eine Persönlichkeit, wie man sie nicht alle Tage im Stall hat. Von unserer jüngsten Tochter Fiona hören wir fast täglich Sätze wie "Meine Amangani hier und meine Amangani da..." Für sie ist klar: "Wenn ich groß bin, reite ich auf meiner Amangani".  (Die Große ist Way of life-Fan ;-))
Ihre Sehnenverletzung ist völlig ausgeheilt. War anfangs nach jedem längeren Toben ein leichter Bogen zu sehen, kann sie jetzt ruhig 10 Minuten den großen Paddock als Rennbahn missbrauchen und trotzdem passiert nichts. :-)
Heute war der Hufschmied noch da. Anfangs war sie sehr ängstlich, wenn man ihr die Hufe hochnahm. Aber selbst das ist kein Problem mehr. Bernd kam später nach oben und sagte nur: Amangani war so lieb, das kannst du dir nicht vorstellen.
Da geht mir jedes Mal das Herz auf...
Wir haben sie sehr in unser Herz geschlossen. Die erste Rosse des neuen Jahres ist gerade vorbei und der Tupfer ist in Ordnung. Bald kann es losgehen... Hoffentlich wird sie tragend...


März 2006:

Amangani hat bei der ersten Besamung aufgenommen und ist für 2007 tragend vom Celler Landbeschäler Locksley II
und das Ergebnis aus dieser Anpaarung ist unsere wunderschöne StPrSt. La Belle Noir W! :-)

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